Das pralle Leben          

Zurück auf Los

Barbara mit den schönen roten Haaren und den lustigen Sommersprossen

Christina mit der tollen Telefonstimme

Xenia mit der norddeutschen Stupsnase, die mich vielleicht eines Tages sogar mit einem Tattoo überraschen wird

Carola, die immer von dieser ganz besonderen Aura umgeben ist

Der 1,95m-Mann mit Federschmuck mitten in der Fußgängerzone, dessen Vorfahren tatsächlich Hopi-Indianer sind

Natascha, die gute Seele mit den längsten Beinen der Welt

Frauke in Ostfriesland, früher mit Haarspray und Lockenbürste ausgerüstet, heute mit Gummistiefeln und Tierfamilie

Der italienische Pizzabäcker von nebenan, dem ich aus meinem Küchenfenster beim Teigkneten über die Schulter gucken kann

Heike mit der besonders geschwungenen Nase und den eleganten Gesichtszügen

Jens, der am Saxophon einfach eine unglaublich gute Figur macht

Sabine, deren besonderes Augenbrauenzucken verrät, wenn es ernst wird

Judith, die selbst in orangener Rüschenbluse und künstlicher Perlenkette beim Tai Chi die Ruhe selbst ist

Und meine Mutter, die auch als Rentnerin meinen Kindern noch eine Rückwärtsrolle vorturnt

 

Eine Fülle von Menschen – längst nicht alle - die mein Leben prall werden lassen, mit all ihren Eigenarten, mal liebenswert, mal ganz gewöhnlich, bisweilen grotesk und wundersam, mal stereotyp, oft widersprüchlich und  immer wieder voller Überraschungen.

Und so wie hier springen mir auch beim Aktzeichnen kleine liebenswerte Details ins Auge, die nur ein winziges Teil im großen „Puzzle“ Mensch sind.

 

Jahrelang zog es mich ins Ausland -  noch mehr Begegnungen und Eindrücke, die Farben der Ferne: das Leuchten seidener Saris von indischen Frauen, das türkisblaue Meer, die Düfte des Exotischen, Gewürze und braune Haut.

 

Beeindruckt von der Fähigkeit der Menschen sich in ihren Lebensraum einzupassen, der wahren LebensKunst komme ich zurück und die Kunst taucht wieder auf, eigentlich die Lebendigkeit der Kreativität, ein Lebenselexier.  Mein Kopf voller Bilder, all die Eindrücke suchen nach Ausdruck – wo sind Farben, Kreiden, Pinsel, Papiere?

 

Sich ausdrücken, ohne Druck – was entsteht, muss nicht schön sein, nicht gefallen oder gefällig sein, ist nie wie erwartet, aber es lohnt sich, es zu betrachten, sich einzufühlen, sich ernst zu nehmen.

Nicht „l`Art pour l`Art“, sondern „l`Art pour l´Homme“, Kunst für sich selbst, so verstehe ich Kunst auch, für alle die sich trauen, sich so zu begegnen. Und so kommt zur  Kunst die Therapie – als Diplom Kunsttherapeutin  locke ich die Lust am künstlerischen auch bei anderen, wecke ihre Kreativität und begleite sie beim Eintauchen in die Welt der Farben und Formen.

 

Wie auch immer es weiter geht – es kann hier nicht zu Ende sein. Das Schöne ist, das alles offen ist – für mich muss es immer viele Möglichkeiten haben, viele Optionen, viele Richtungen. Es geht noch nicht zu Ende. Mein Leben ist prall, weil es offen ist. Nicht jedes Kunstwerk wird vollendet werden – es wird immer wieder Baustellen und Pläne geben, unbedingt Radierungen, ganz aktuell Acryl. Was ich am allertollsten finde, sind die Lücken. Vielleicht fülle ich sie, vielleicht auch nicht – aber sie sind! Das ist es. Das Spannendste ist das Offene, denn so geht es weiter, die Auseinandersetzung und die Lust am Leben! Und so ist der letzte Kick vielleicht die unvollendete Stelle im Bild, die mich seit Jahren bewegt und eines Tages gefüllt wird!